Heinrich Klotz

Heinrich Klotz
*20.03.1935 in Worms
† 01.06.1999 in Karlsruhe
Kunsthistoriker, Museums- und Hochschulgründer

Portrait_Klotz_200x200_oHeinrich Klotz’ Jugend nach dem Krieg war geprägt von Hunger und Wissensdurst. Nach einem einjährigen Aufenthalt in den USA verließ Klotz 1953 das Gymnasium in Siegen ohne Abschluß, ging als Gasthörer an die Universität und holte auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur nach.

An der Universität Frankfurt schwankte Klotz’ Neigung zwischen Philosophie und Zoologie. Das Erlebnis einer Bildbesprechung im Frankfurter Städel gab einen neuen Impuls: Klotz begann Kunstgeschichte zu studieren; zuerst in Freiburg bei Kurt Bauch, dann in Göttingen bei Heinz Rosemann, bei dem er 1963 mit einer Arbeit über einen Architekten der Gotik promoviert wurde.

Heinrich Klotz: Wie kann man eine »umgekippte« Stadt »revitalisieren« Heinrich Klotz: »Ein Image für St. Louis«. Aus: »Keine Zukunft für die Vergangenheit? Denkmalschuz und Stadtzerstörung«. 1975

Sozialer Wohnungsbau am Ende: nur 17 Jahre nach ihrer Einweihung wurde die städtische Siedlung »Pruitt-Igoe« in St. Louis (USA) 1972 gesprengt: Die schlecht ausgestatteten Wohnungen ließen sich nicht mehr vermieten. Der Bau ist ein frühes Werk von Minoru Yamasaki, der auch das New Yorker World Trade Center entwarf (mit Emery Roth & Sons, 1973) Klotz hatte einen Aufsatz über St.-Louis mit die- sem Bild illustriert. »Funktionalistisch auf das Existenzminimum reduzierter Wohnungsbau taugt nicht einmal zur Slumsanierung. […] Wie kann man eine ›umgekippte‹ Stadt ›revitalisie- ren‹«? Heinrich Klotz: »Ein Image für St. Louis«. Aus: »Keine Zukunft für die Vergangenheit? Denkmalschuz und Stadtzerstörung«. 1975.

Als Stipendiat in Florenz fertigte Klotz zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen Marvin Trachtenberg eine Sammlung von rund 12.000 Aufnahmen von gotischen Bauwerken in der Toskana an.

Entscheidend wurde für Klotz sein Aufenthalt als Gastprofessor an der Universität Yale von 1969 bis 1971: Hier erlebt er die großen Kunsthistoriker Henry-Russell Hitchcock und Vincent Scully und entdeckt das Buch Complexity and Contradiction in Architecture von Robert Venturi, dem später wegweisenden post-modernen Architekten.

In den USA entsteht auch Conversations with Architects (1973), in dem Klotz und John W. Cook die Architekten einer »zweiten Moderne« in Interviews darstellen: Philip Johnson, Paul Rudolph, Charles Moore, Robert Venturi und Denise Scott Brown.

1972 wurde Klotz Professor für Kunstgeschichte in Marburg. In der Debatte um Schutz oder Abriß von Baudenkmälern setzte sich Klotz für sanfte Lösungen ein. Er forderte nicht nur ein »integrierendes Bauen« als Ergänzung von Altem und Neuem sondern setzte diese Idee auch in die Tat um: Ein mittelalterliches Fachwerkhaus in Marburg wurde von der Familie Klotz vor dem Abriss bewahrt, restauriert und durch einen modernen Anbau ergänzt.

1984 wird in Frankfurt am Main das Deutsche Architekturmuseum eröffnet, das Klotz begründet hatte. Das Haus selbst war ein Ausstellungsstück: der Architekt Oswald Mathias Ungers integrierte in eine alte Villa am Museumsufer ein »Haus im Haus«. Das Ausstellungsprogramm stellte vor allem postmoderne oder postfunktionalistische Architektur vor. Diese Architektur stellte eine Kritik der reinen Lehre von Mies van der Rohe, Walter Gropius oder Le Corbusier dar, für deren Werk Klotz den Begriff der »Klassischen Moderne« prägte.

Der Klotz.  Eine Kunstedition anläßlich des  60. Geburtstages von Heinrich Klotz, 1995 Entwurf der »Buch-Box« von Stefan Wewerka, Auflage 30 Exemplare. Inhalt: 60 Fotografien, Druckgraphiken, Texte und Objekte von u.a. Hans Belting, Bazon Brock, Klaus vom Bruch, Max Dudler, Karl-Horst Hödicke, Marie-Jo Lafontaine, Markus Lüpertz, Frei Otto, Gunter Rambow, O.M. Ungers, Robert Venturi, Martin Warnke, Peter Weibel, Kurt Weidemann.

Der Klotz. Eine Kunstedition anläßlich des 60. Geburtstages von Heinrich Klotz, 1995 Entwurf der »Buch-Box« von Stefan Wewerka, Auflage 30 Exemplare. Inhalt: 60 Fotografien, Druckgraphiken, Texte und Objekte von u.a. Hans Belting, Bazon Brock, Klaus vom Bruch, Max Dudler, Karl-Horst Hödicke, Marie-Jo Lafontaine, Markus Lüpertz, Frei Otto, Gunter Rambow, O.M. Ungers, Robert Venturi, Martin Warnke, Peter Weibel, Kurt Weidemann.

Nach zehn Jahren in Frankfurt wurde Klotz nach Karlsruhe eingeladen und ent­wickelte das von der Stadt vorbereitete»Konzept ’88« weiter. Daraus ging das Zentrum für Kunst und Medientechnologie, ZKM, hervor, ein Zentrum aus Forschungsinstituten und Kunstmuseen aller Gattungen unter Einbeziehung digitaler Medien. Für Klotz war die Konfrontation von Alt und Neu in Kunst und Architektur unverzichtbar: »So wenig wie die Malerei durch die Computergrafik überflüssig gemacht wird, so wenig wird man den Konzertflügel fortwerfen, weil es den Synthesizer gibt.« (1992)

Klotz rief zusammen mit Trude Schelling-Karrer den Erich-Schelling-Architekturpreis ins Leben, mit dem seit 1992 Architekten und Theoretiker ausgezeichnet werden.

Neben seiner Funktion als Vorstand des ZKM (1989) wurde Klotz Gründungsrektor der Karlsruher Staatlichen Hochschule für Gestaltung, HfG (1992). Seit 1997 befinden sich HfG und ZKM zusammen mit der Städtischen Galerie in einen denkmalgeschützen Hallenbau aus dem Jahr 1918.

Kurz vor seinem Tod 1999 konnte Klotz noch festlegen, wer die von ihm begründeten Institutionen in seiner Nachfolge leiten sollten. Seinen Erinnerungen gab er den Titel »Weitergegeben«.


Publikationen von Heinrich Klotz

Die Frühwerke Brunelleschis und die mittelalterliche Tradition [Habilitation, Göttingen 1968], Berlin, 1970.

[Mit John W. Cook]: Conversations with Architects. New York 1973 [Deutsche Ausgabe Architektur im Widerspruch. Bauen in den USA von Mies van der Rohe bis Andy Warhol. Zürich 1974].

Die röhrenden Hirsche der Architektur. Kitsch in d. modernen Baukunst, Luzern/Frankfurt (Main), 1977.

[Hg]. Keine Zukunft für unsere Vergangenheit? Gießen, 1975.

Moderne und Postmoderne. Architektur der Gegenwart 1960–1980. Braunschweig/Wiesbaden, 1984 [Amerikanische Ausgabe: The history of postmodern architecture, Cambridge (Mass.), 1988].

Kunst im 20. Jahrhundert. Moderne – Postmoderne – Zweite Moderne. München, 1994.

Weitergegeben. Erinnerungen, Köln 1999.

Geschichte der deutschen Kunst. Dritter Band: Neuzeit und Moderne 1750–2000, 2000.


Über Heinrich Klotz

Re-Visionen der Moderne: Begegnungen mit Heinrich Klotz. Hg. von Judith Rottenburg und Henning Arnecke, Paderborn/München, 2010.

Die Klotz-Tapes / The Klotz Tapes: Das Making-of der Postmoderne / The Making of Postmodernism. Hg. Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, Sondernummer Arch+, Heft 216, Berlin 2014.

Heinrich-Klotz-Bildarchiv der HfG Karlsruhe
http://postmoderneprojektion.hfg-karlsruhe.de

Heinrich Klotz. Gedanken zum 80. Geburtstag. Filmische Würdigung mit Beiträgen von Martin Warnke, Wolfgang Rihm, Peter Weibel u.a. 21 min., HfG Karlsruhe, 2015. https://www.youtube.com/watch?v=RSIo4alkGGo

Nachlass Heinrich Klotz
Deutsches Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg
[u.a. Tage- und Skizzenbücher, Manuskripte, Korrespondenz 1955–1999, Umfang 20 lfdM.]


Portrait Heinrich Klotz:
1974, Archiv Heinrich Klotz, aus: Heinrich Klotz: Weitergegeben. Erinnerungen, Köln 1999.

Bild »Der Klotz«:
Foto mit freundlicher Genehmigung von Zwiggelaar Auctions, Groningen

Zu dieser Person gibt es keine Augmented Reality Inhalte.

Zu dieser Person gibt es keine Augmented Reality Inhalte.